18.07.2011 | Südthüringer Zeitung

Kein Halbgott im Frack

Mit stehenden Ovationen bedankten sich Samstagabend 1300 Zuhörer im CCS bei Stardirigent Justus Frantz und seiner Philharmonie der Nationen.

Immer mit vollem Körpereinsatz: Dirigent Justus Frantz und sein multinationales Ensemble gastierten am Samstag im Congress Centrum Suhl.

Als Zuhörer sacht die Augen schließen zu dürfen, gehört zweifellos zu den reizvollsten Privilegien klassischer Konzerte. Das Szenario auf der Bühne ist vertraut, von den blitzblank geputzten Lackschuhen, über den Taktstock, der die Luft im Flug zerfurcht, bis hin zur Ordnung der Instrumentengruppen. Da ist kein Tand, kein Glimmer, kein Spektakel, das womöglich dem nur Lauschenden entgehen könnte. Und doch gibt es Konzerte, gibt es Orchester, bei denen es unverzeihlich wäre, nur zu hören. Bei denen es nur ein Teil des Genusses bleibt, dem Wechselspiel aus Klang und Stille in höchster, unbeirrter Konzentration zu folgen.

Solch ein Orchester, das eben auch durch die Körpersprache, durch die Präsenz seiner Musiker und vor allem seines Dirigenten besticht, ist die Philharmonie der Nationen. Am Samstag gastierte das multinationale Ensemble unter der Leitung von Justus Frantz in Suhl. Eine Klassikofferte des MDR-Musiksommers mit Unterstützung dieser Zeitung, der rund 1300 Musikliebhaber in das Congress Centrum folgten. Um zu hören - und um zu sehen.

Beethoven und Schumann für die Ohren, für die Augen ein einnehmend schelmisch dreinblickender Dirigent mit rotem Einstecktuch und wippendem weißen Haar. Der aber auch ganz anders schauen kann, betroffen oder vergnügt, bangend oder entschlossen. So nämlich schaut er, wenn er nicht den tosenden Applaus, nicht die "Bravo"-Rufe, nicht das Trampeln von Füßen als Lohn für das Gespielte empfängt, sondern abgewandt vom Publikum auf seinem Pult Position bezogen hat.

Musik als Emotion

Wenn Justus Frantz in seinem Element - dem Dirigieren - ist, dann gelingt ihm mehr, als nur den Takt, die Einsätze, Tempo und Dynamik vorzugeben. Der 67-Jährige verschlüsselt nicht nur Werke in Handbewegungen, er entschlüsselt sie auch - und zwar mit vollem Körpereinsatz. Die erste Kostprobe dieses seltenen Talents gibt er bei seinem jüngsten Auftritt in Suhl mit der Ouvertüre zu Ludwig van Beethovens "Die Ruinen von Athen".

Knappe sechs Minuten mit exponierten Holzbläser-Soli. Sie genügen um zu verstehen, wie Justus Frantz seinem Publikum Zugang zu klassischer Musik verschafft. Er ist kein Halbgott im Frack, auch kein fahriger Maestro. Er ist ein Dirigent, der sich emotional offenbart und dabei schon einmal einen kleinen Hüpfer im Finale eines Satzes riskiert. Seine Begeisterung für die Musik ist schlicht ansteckend und von ungemeinem Unterhaltungswert.

Klassik schmackhaft zu machen in ihrer eigenen Qualität, ohne künstlichen Trubel und ohne sich im nur Populären zu verirren - das ist die Stärke von Justus Frantz. Und dafür lieben sie ihn auch an diesem warmen Juliabend. Der erste Teil des gut zweistündigen Programms gehörte dem Solocellisten der Petersburger Symphoniker, Dmitry Khrychev, und Robert Schumanns Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129.

Das Werk mit seinem durchaus virtuosen Cello-Part, bei dem sich das Orchester in weiten Teilen in die Aufgabe der Begleitung zurückzieht, erlaubte dem Solisten sein technisches Geschick unter Beweis zu stellen. Vom romantisch schweifenden Hauptthema ließ sich Khrychev hingegen weniger mitreißen, was vielleicht auch der nicht allzu vertrauenserweckenden Konstruktion aus Podest und Stuhl geschuldet war. Am Schluss des dritten Satzes herzte ihn Justus Frantz dennoch. Das innige Verhältnis zu seinen Musikern - wohl auch ein Grund für die enorme Beliebtheit des Stardirigenten.

War der Applaus am Ende des ersten Konzertteils anerkennend, so war er am Ende des zweiten Konzertteils euphorisch. Mit Beethovens 3. Sinfonie Es-Dur op. 55, der sogenannte "Eroica", hörte das Publikum nicht weniger als eine neue Idee des Symphonischen, die den Übergang von der klassischen Symphonie des 18. zur großen Symphonie des 19. Jahrhunderts markierte.

Idee des Heroischen

Unter den Eindrücken der Französischen Revolution hatte Beethoven das etwa 50-minütige Werk verfasst, seine Ideen von Freiheit, Heldentum und Fortschrittlichkeit in Noten gebannt. Harte Forte-Schläge wechseln mit vibrierender Stille, wiederholt wird der melodische Fluss schroff abgebremst. Es ist weniger ein überspannender dramaturgischer Bogen, als jene Idee des Heroische, die diese vier so unterschiedlichen Sätze zusammenhält. Und die lässt sich nicht allein hören, sondern auch spüren, gar ablesen - vom Körper eines Dirigenten vom Schlage Justus Frantz.

Susann Winkel