18.12.2011 | Münsterländische Volkszeitung

Russische Seele und Bachsche Weihnachtsfreude

Münster - Jauchzet, frohlocket? Nicht gleich zu Beginn. Was Justus Frantz und seine Streicher als Ouvertüre verströmten, war ein wehmütiger Trauergesang. Ein Abschiedsgruß für den Chorleiter Leonid Baklushin, der kurz zuvor verstorben war. Aus diesem Grund stellte der Maestro das Programm ein wenig um. Selbstverständlich bürgten die jungen Musiker seiner „Philharmonie der Nationen“ auch an diesem Abend für instrumentale Klasse. Seltsam, dass in der Pause einige Besucher meinten, über den geänderten Ablauf murren zu müssen. Am Ende zeigte die vollbesetzte Stephanuskirche natürlich helle Begeisterung für den exzellenten Moskauer Knabenchor, der seine russische Tradition faszinierend mit Bach´scher Weihnachtsfreude vereint hatte.

Zunächst bleiben die jungen Kehlen still, der Beginn gehört Bachs Orchestersuite Nr.2 - und damit der Flötistin Aya Komatsu. Ihr Ton tiriliert leicht und schön, aber nicht sehr laut. Die junge Solistin dringt gegen den satten Sound, den das Dutzend Streicher bringt, schwer durch. Was Justus Frantz und seine Mannen spielen, ist der süffig-seidige Bach alter Schule, der aber keineswegs altmodisch daherkommt. Alles drängt bei diesem Quasi-Flötenkonzert zur finalen Leuchtrakete, der „Badinerie“. Und Aya Komatsu legt einen rekordverdächtigen Sprint hin, wie man ihn nur von Rampal und wenigen anderen kannte. Applaus!

„Auf, preiset die Tage!“ Schier eruptiv schießt auch der Eingangschor hoch, mit wirbelnden Streicher-Figurationen und strahlenden Trompeten. Das hört man sonst in Münster nie. Erst recht nicht die Intonation und Phrasierung der jungen Moskauer, durch und durch russisch. Der Akzent tut ein Übriges.

Justus Frantz hat - völlig legitim - eine eigene Chorsuite aus allen sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums erstellt. Und weist stolz darauf hin, dass die Jungen zwar kein Deutsch, aber Bachs Choräle auswendig können.

Chorleiter Leonid Baklushin war auch Tenor und sollte ursprünglich die Rezitative singen. Aufgrund der bewussten Entscheidung, ihn nicht zu ersetzen, übernimmt Justus Frantz die Rezitative als Sprecher. Der kleine Alexander Orlov präsentiert anstelle von Baklushins Sohn als Solist zwei Alt-Arien. Dass er mit „Schlafe, mein Liebster“ seine Mühe hat, ist in diesem Kontext unbedingt verzeihlich. Ins Herz der Zuhörer singt er sich an diesem schönen Abend allemal.

VON ARNDT ZINKANT