Justus Frantz auf Friedensmission

Justus Frantz auf Friedensmission

Als Pianist begeisterte der 69-Jährige in Neumünster. Nun zieht es ihn als Dirigenten nach Peking und Jerusalem.

NEUMÜNSTER | Sie sind pur, polarisierend und herausragende Kulturgüter des Landes. Justus Frantz und das „Alte Stahlwerk“ in Neumünster haben einiges gemeinsam. Wie aus einem Guss gestaltet sich dann auch das Konzertereignis, mit dem am Montagabend der erste Geburtstag des in einem Industriedenkmal gebauten Hotels gefeiert wird. „Dieser Abend ist auch ein kleines Abschiedskonzert“, sagt Justus Frantz. Denn der weltbekannte Dirigent und Pianist übernimmt mit fast 70 Jahren drei Orchester im Ausland.

Nur ein Flügel und die Klaviersonaten von Beethoven – mehr braucht Justus Frantz nicht für ein Konzert, dem es an nichts fehlt. Ebenso puristisch präsentiert sich die Umgebung. Schlichte Betonpfeiler stützen die imposant hohe Decke, an der alte, verrostete Stahlkatzen hängen. Dort, wo einst bei 1500 Grad Hitze geschmolzener Stahl geputzt und gestrahlt wurde, folgt das Publikum gebannt zunächst den Worten des Pianisten. Klar und direkt ist der Appell, den der Mann, der untrennbar mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) verbunden ist, an Angela Merkel richtet: „Wir wollen kein Geld, aber die Anerkennung der Bundesregierung.“ Und zwar für das Friedensorchester, das Justus Frantz in China aufbauen will. „Jedes Signal des Friedens ist ein wichtiger Beitrag auf dem Weg hin zu gesünderen Zeiten“, betont Frantz, der für seinen Aufruf schon mehr als 20 000 Unterschriften gesammelt hat.

Viel Zeit wird er in den kommenden Jahren auch an einem weiteren politischen Brennpunkt verbringen – in Israel. Dort wird Frantz eine große Philharmonie aufbauen. Dafür zieht es ihn mit seiner Familie nach Jerusalem, „dort werden wir auch Weihnachten feiern“, verrät der 69-Jährige nach dem Konzert. Dazu kommt noch eine europäische Philharmonie, weiterhin will Frantz auch seine Philharmonie der Nationen führen.

Für Abschieds-Wehmut lassen die drastischen Werke von Beethoven und die starken Worte des Pianisten aber kaum Raum. „Beethoven war ein Revolutionär, er hat gewagt, was sich kein anderer zur damaligen Zeit getraut hat. Seine Musik kann nur fesselnd oder abstoßend wirken“, sagt Frantz über den genialen Komponisten, der – nachdem er sein Gehör verlor – seine eigene Klangwelt schuf. In dieser komponierte er Werke, die viele Experten als die bedeutendsten der Klaviermusik bezeichnen – in einem Raum zwischen Realität und ahnender Vision, vom Meister selbst ungehört, zur damaliger Zeit mit elektrisierender Wirkung.

Diese Ambivalenz, diese Kraft ist bis heute spürbar, auch in den Sonaten, die Frantz mit Sensibilität und Hingabe interpretiert. Darunter „Der Sturm“ in d-moll, geprägt von der Hin- und Hergerissenheit, aufbrausend, besänftigend. Wer die Augen schließt, sieht zarte Blätter im Windhauch tanzen – und wird im nächsten Augenblick vom grollenden Orkan wach gerüttelt. Faszinierend, wie Beethoven immer wieder seine eigenen Themen zerbricht. Als Meister der Kontraste zeigt er sich auch bei den c-moll-Variationen – direkt, fesselnd, reduzierend, geprägt von anspruchsvoller Technik.

Passend zu den Plänen von Frantz die Lebewohl-Sonate – „Les Audieux“, mit der sich Beethoven von seinem Lieblings-Schüler und Förderer Erzherzog Rudolf 1809 verabschieden muss, ein Sohn des Kaisers, mit dem er vor Napoleon aus Wien flieht. Überraschende Dur-Moll-Wendungen stehen für die Hoffnung auf ein Wiedersehen und pure Verzweiflung.

Kein Beethoven-Abend ohne die großartige Waldsteinsonate, gewidmet dem Grafen Waldstein, der den jungen Beethoven vor den Gewaltausbrüchen des Vaters beschützt, der ihn mit zu den großen Komponisten Mozart und Haydn nach Wien nimmt, der Beethoven künstlerisch und finanziell fördert wie kein Zweiter. Poesie, Hoffnung, Unsicherheit und zum Finale das Anschwellen der Gefühle zu einer berstenden Welle, in Form eines der anspruchsvollsten Sätze, die Beethoven je geschrieben hat, bescheren Publikum und Pianisten den Höhepunkt des Abends.

Gefeiert wird der Weltstar der Klassik nach jedem Stück, schon vor der Pause gibt es mit Chopin die erste Zugabe. Nach fast drei Stunden klappt Frantz den Klavierdeckel endgültig zu und sagt: „Sie sind herzlich eingeladen, nach Peking und Jerusalem zu kommen.“