Interview mit der Zeitung In Südthüringen | 08.07.2011

"Ich suche das Feuer"

Frieden und Freiheit - das ist die Botschaft der "Philharmonie der Nationen". Die 150 Musiker aus 50 Nationen und ihr großer Mentor Justus Frantz sind am 16. Juli beim MDR-Musiksommer in Suhl zu Gast.

Vor 16 Jahren rief Justus Frantz ein außergewöhnliches Orchester ins Leben. Die Idee: Junge, talentierte Leute aus aller Welt finden sich zum Musizieren zusammen. Über 1000 Konzerte hat die "Philharmonie der Nationen" seit 1995 gegeben. Die Musik fungiert dabei als Botschafter für Weltfrieden und Völkerverständigung. Wir sprachen mit Justus Frantz über das Suhler Konzert.

Sie treten seit vielen Jahren beim MDR-Musiksommer auf. In diesem Jahr sind Sie und Ihr Orchester in Suhl, Freyburg und Zwickau zu Gast. Was reizt Sie an diesem Festival?

Der MDR versorgt eine einmalige Kulturlandschaft mit musikalischen und kulturellen Angeboten, um die ihn andere Festivals wirklich beneiden. Dank des Musiksommers bin ich in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt schon weit herumgekommen.

Wie empfinden Sie die Atmosphäre des Musiksommers?

Das Publikum ist allein schon durch die oftmals wunderschöne Landschaft festlich gestimmt und inspiriert. Die Menschen sind aufnahmebereit für Musik, und das spürt man als Künstler auf der Bühne: Es ist ein intensives Geben und Nehmen.

Auf was kann sich das Publikum in Suhl freuen?

In diesem Jahr u.a. auf Robert Schumanns Cellokonzert. Es ist großartig und ich liebe es über alles. Ganz besonders freue ich mich auf Dmitrij Khrychew von den Petersburger Philharmonikern - ein großer Cellist. Gemeinsam werden wir wunderbare Aufführungen geben.

Neben Schumann steht auch Beethoven auf dem Programm. Was fasziniert Sie an Beethoven?

Beethovens Werke sind für mich das "Neue Testament" der Musik. Damit nicht genug: Kein Komponist kann größere Gegensätze auftürmen, kein Komponist ist zeitnaher. Niemand kann Hoffnung und Katastrophen musikalisch eindrucksvoller gestalten als Beethoven. Er ist mein Vorbild, auch deshalb, weil er sich unter schwierigen persönlichen Umständen, etwa Taubheit und Krankheit, immer eine eigene Welt in der Musik bewahrt hat. Die Wirklichkeit, sagte Beethoven einmal, ist zu überwinden durch die Kraft der Musik. Oder anders ausgedrückt: Kein Mensch, der Zugang zur Musik hat, kann jemals ganz unglücklich werden.

Sie dirigieren Beethovens Werk "Die Ruinen von Athen". Was verbinden Sie persönlich damit?

Die "Ruinen von Athen" sind ein besonders schönes Stück. Daran zeigt sich, dass Beethoven viel mehr zu bieten hat, als "nur" die bekannten Werke. Dass im Moment mit dem Titel dieses Werkes eine etwas tragik-komische Verbindung zu Griechenland hergestellt wird, ist ungewollt.

Warum kombinieren Sie Beethoven mit Schumann?

Beethoven und Schumann verbindet vieles: Es ist der späte Beethoven, der Schumann inspirierte. Deutlich erleben wir in dessen Spätstil die Klangrede der letzten Werke Beethovens. Dies war die Inspirationsquelle und Brücke, die uns bis hin zu Mahler in ganz andere Welten führt, als der chromatisierende Stil der Neudeutschen, der Wagner und Liszt und viele andere verbindet.

Ein so großes, internationales Ensemble wie die Philharmonie der Nationen organisatorisch, künstlerisch und menschlich zusammen zu halten, ist aufwendig. Wie schaffen Sie das?

Was uns zusammenhält, ist ein großer, sich immer wieder erneuernder Anspruch an die künstlerische Qualität unserer Arbeit. Wir wollen jede Aufführung zu einer künstlerischen Geburt machen, das verstehen wir als unsere Verantwortung gegenüber dem Werk, dem Publikum und auch uns selbst. Natürlich gelingt uns das nicht immer, aber wir lassen nicht nach in unserem Willen: Keiner der Musiker lehnt sich während des Konzerts zurück, alle sitzen sie nur auf der Kante ihres Stuhls und spielen sozusagen um Leben und Tod. Diese künstlerische Intensität ist es, die unser Ensemble auszeichnet und uns eint. Um eine Analogie aus der Welt der Pferde zu bemühen: Die Philharmonie gleicht einem Araber - einmal berührt, sprengt er davon. Auf der Suche nach neuen Musikern für das Ensemble reise ich um die ganze Welt und bin bei allen Vorspielen dabei. Mir geht es weniger um technische Exzellenz als vielmehr um Begeisterung, Feuer, Intensität und die richtige Körpersprache. Ich suche Musiker, die bereit sind, sich ständig weiterzuentwickeln und an sich zu arbeiten.

Treten Sie lieber als Solist auf oder gemeinsam mit der Philharmonie der Nationen?

Es ist mir nicht so wichtig, ob ich allein oder mit vielen anderen Musikern auf der Bühne stehe. Entscheidend ist für mich, gut vorbereitet zu sein und frei, meinen Gedanken, meiner Inspiration musikalisch Ausdruck zu verleihen. Ob ich das Klavier als mein kleines Instrument dafür nutze oder das ganze Orchester als großes Instrument, spielt letztlich keine besondere Rolle. Auf die Musik kommt es an.

Interview: Anja Rieger